Wie sich die Krankheit des deutschen Gesundheitssystems durch die Corona-Krise offenbart

 

Das Eintreten der Corona-Pandemie sorgt weltweit für Aufsehen und Schlagzeilen. Es herrschen Ausnahmezustände in sämtlichen Ländern, wie es sie noch nie gab – zumindest nicht in diesem Umfang. Mittlerweile sind auch die europäischen Gesundheitssysteme überlastet. Wie kann das sein? Könnte man nicht von einem reichen Land wie Deutschland erwarten, solchen Aufgaben gewachsen zu sein?

Wie es scheint, krankt das deutsche Gesundheitssystem selbst an allen Ecken und Enden.

Das Problem beginnt bereits beim Personal. Laut VERDI fehlen mindestens 162.000 Stellen in Krankenhäusern, davon ganze 70.000 in der Pflege. Dieser Umstand führt dazu, dass auch ganz ohne Corona in Deutschland eine Pflegekraft für dreizehn (in der Nachtschicht sogar bis zu neunzehn) Patienten zuständig sind. Dass die Qualität der Betreuung und Pflege massiv darunter leidet, ist selbsterklärend. Das müsste aber nicht so sein. Zum Vergleich: In den Niederlanden ist eine Pflegekraft für „nur“ sieben Patienten zuständig. Woher kommt dieser gravierende Unterschied?

Schuld ist zum größten Teil die seit Anfang der 1990er durch die Regierung massiv vorangetriebene Privatisierung von Krankenhäusern. Um möglichst viel Profit zu generieren, bauen dann die jeweiligen Privatinvestoren massenweise Stellen ab. Diejenigen, die „bleiben“, haben mit schweren Lohnkürzungen zu kämpfen. All dies sind Bedingungen, unter denen verständlicherweise keiner arbeiten möchte und die so zugleich abschreckend auf potentiellen Nachwuchs wirken.

Große private Klinikkonzerne wie Asklepios, Helios, Rhön und Sana versuchten beispielsweise die hohen Schulden Schleswig-Holsteins für sich zu nutzen. Der Druck der Schulden war damals (2010) so hoch, dass sich eine Privatisierung der Uni-Klinik Kiel als preiswerte Lösung anbot.

In diesem Fall gab es aber ein „Happy End“, da der Verkauf abgewendet werden konnte.

Ein weiteres Problem, was der Stellenabbau mit sich bringt, ist, dass gerade die Hygienestandards in Krankenhäusern nicht mehr eingehalten werden können. Die wenigen Fachkräfte haben zu wenig Zeit, Räumlichkeiten fachgerecht zu säubern, was dazu führt, dass sich Ärzte, Freunde und Verwandte von Patienten innerhalb des Krankenhauses schnell selbst infizieren und die Krankheiten nach außen tragen. In einer Situation wie der jetzigen ist so etwas besonders gefährlich. Da scheint es umso irrsinniger, dass Gesundheitsminister Spahn (CDU) noch im Januar die Halbierung aller Notaufnahmen forderte.

Zurück zum Corona Virus: Neben unserem kränkelnden Gesundheitssystem gibt es noch weitere Faktoren, welche eine fast uneingeschränkte Ausbreitung des Virus in Deutschland ermöglichen. So werden in Deutschland selbst wenig bis gar keine Tests durchgeführt, was zu der Situation führt, dass vielen Verdachtsfällen gar nicht erst nachgegangen wird und eine Eingrenzung der Ausbreitung dadurch erschwert beziehungsweise unmöglich wird. Auch in diesem Fall gibt es passende Gegenbeispiele, die zeigen, dass es auch anders geht. So lobt die WHO, dass China wöchentlich bis zu 1,6 Millionen Menschen testen kann[1]. Auch das ärmere Vietnam geht mit positivem Beispiel voran. So lässt die vietnamesische Regierung flächendeckend (kostenlos) Tests machen, verteilt verbesserte Atemschutzmasken, die nun massenweise in Vietnam produziert werden, zu einem niedrigen Preis (umgerechnet ca. 30 Cent) oder gar kostenlos[2].

In Deutschland hingegen herrscht neben dem bereits genannten Mangel an Personal auch ein großer Bedarf an Schutzkleidung.

Laut einer Umfrage beklagen mehr als 80% der in Deutschland niedergelassenen Ärzte nicht genug Schutzkleidung beschaffen zu können.

Zudem lies China, als der Ernst der Lage erkannt wurde, ganze Provinzen isolieren. Diese harten Maßnahmen führten dazu, dass China die Ausbreitung gewissermaßen kontrollieren konnte und so Europa wertvolle Zeit für die Vorbereitung auf den Virus verschaffte, welche eher mäßig genutzt wurde. Auch in Europa wurden jetzt ganze Gebiete unter Quarantäne gestellt, allerdings ist dies wie zum Beispiel in Italien eher eine der letzten Maßnahmen, die man aus dem Register zog, da man keine anderen Möglichkeiten mehr sah, sich zu helfen.[3]

Auffällig ist auch, dass trotz Bewegungseinschränkungen, Schul- und Kitaschließungen versucht wird, die deutsche Wirtschaft am Laufen zu halten.

Wie widersprüchlich dies ist, fällt auf, wenn man den Umstand betrachtet, dass gerade der eigene Arbeitsplatz ein unglaublich hohes Ansteckungspotential birgt. Dass damit unserer aller Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird, scheint hier gekonnt ignoriert zu werden. Statt etwas Geld in die Hand zu nehmen, um lediglich notwendige Dinge, wie zum Beispiel Lieferketten aufrechtzuerhalten, stellen die Finanz- und Wirtschaftsminister Scholz (SPD) und Altmaier (CDU) bevorzugt Großkonzernen und Banken unbegrenzte Kredite aus dem Bundeshaushalt in Milliardenhöhe zur Verfügung. Zwar können auch Kleinstbetriebe Hilfe beantragen, müssen dies aber in einem komplizierten Verfahren tun. Am schwersten leiden allerdings Künstler. Sie werden vom Staat ganz vergessen und erfahren keinerlei Unterstützung. Niemand bezahlt ihr normales Gehalt, also sind sie gezwungen auf eigene „Geldreserven“ zurückzugreifen.

Darüber hinaus wird die Hilfe, welche die chinesische Regierung Deutschland offerierte, abgelehnt[4]. Dies trifft auch in der Bevölkerung auf Unverständnis. So wendet sich Heinsberg, der in Deutschland am stärksten mit Corona betroffene Landkreis, gegen den Willen der Bundesregierung an China und bittet um Hilfe.

Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht auf eine Pandemie wie diese vorbereitet.

Obwohl dies bereits nach kurzer Analyse auffällt, wird internationale Hilfe abgelehnt und es werden Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft zu retten. Abschließend könnte man also urteilen, dass die Bundesregierung falsche Prioritäten setzt und so eine große Mitschuld an dieser desaströsen Lage trägt.

[1] https://www.chinadaily.com.cn/a/202003/15/WS5e6df4d5a31012821727f2ed.html

https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/who-china-joint-mission-on-covid-19-final-report.pdf

[2] https://tuoitre.vn/vinatex-cung-ung-85-trieu-khau-trang-vai-khang-khuan-tu-nguyen-lieu-trong-nuoc-20200308180935148.htm

https://tuoitre.vn/khau-trang-vai-khang-khuan-duoc-mua-20200319081822777.htm

https://thanhnien.vn/tai-chinh-kinh-doanh/them-may-nha-be-viet-tien-ban-khau-trang-khang-khuan-ra-thi-truong-1192634.html

https://tuoitre.vn/vinatex-tung-tiep-khau-trang-khang-khuan-3-lop-co-tem-chong-gia-gia-70-000-dong-5-cai-20200316110155794.htm

https://www.vcci.com.vn/chi-nen-mua-du-dung-khong-nen-tich-tru-khau-trang

http://hanoitv.vn/g-d132471.html

https://vnexpress.net/kinh-doanh/vinatex-tung-20-000-khau-trang-khang-khuan-chong-nuoc-4068466.html

Youtube: Luna oi!, 5 Brilliantly Simple Vietnamese Inventions for Fighting COVID-19!

[3] https://www.worldometers.info/coronavirus/

https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/fact-sheet/details/news/massnahmen-und-ihre-lockerung-in-asien-gegen-covid-19/

[4] https://www.scmp.com/news/china/diplomacy/article/3076287/coronavirus-xi-jinping-calls-leaders-italy-spain-germany-and

 

2 Kommentare
  1. Unbekannt
    Unbekannt sagte:

    Ich finde diesen Beitrag sehr sachlich und korrekt. Es ist tatsächlich so, wie im Beitrag beschrieben. Unser Gesundheitssystem ist marode.
    Habe ich bereits zweimal erlebt. Krankenhaus-Virus eingehandelt und im AK Barmek wegen des fehlenden Personals nach einer OP fast verblutet. Nur ein Bundespolizist, der in der Klinik 112 rufen wollte, hat mir das Leben gerettet. Da hat man erst reagiert. Muß man das noch weiter kommentieren?
    Profit geht über alles. Darüber sollten sich auch einmal Politiker Gedanken machen. Die Wirtschaft bestimmt, nicht der Verbraucher.

    Antworten
  2. Unbekannt
    Unbekannt sagte:

    Wir müssen unser Gesundheitssystem total neu überdenken. Deutschland ist zwar auf einem guten Stand. Wir dürfen uns aber nicht zu abhängig machen. Gesundheit muss unbedingt bezahlbar sein. Wer wenig Geld hat, fällt hinten herunter.
    Warum sind teilweise deutsche Medikamente im Ausland wesentlich preiswerter?
    Unser Gesundheitssystem ist eine riesige Einnahmequelle. Ausgetragen auf dem Rücken der Bürger. Unser Krankenkassensystem ist arg reformbedürftig. Alle müssen einzahlen. Wie viel Gelder verschlingt schon der aufgeblasene Verwaltungsapparat und die Werbung.
    Es gibt einfach unendlich viel zu tun. Packen wir es alle gemeinsam an. Wir müssen dabei aber auch die Beschäftigten im Gesundheitswesen nicht aus den Augen verlieren.

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.